Andor Ákos, Architekt und Künstler (1893 - 1940) in Babenhausen.

Von Willi Fischer, Krumbach

Der Mercedes Roadster

IMG_0001Wohl kaum ein Babenhausener dürfte sich heute noch an ihn erinnern, an Andor Ákos, jenen außergewöhnlichen, ja extravaganten Architekten aus Kempten, der stets „geschniegelt und gebügelt“ mit Hut, Schal, Mantel und Glaceehandschuhen, vor Allem aber – für damalige Verhältnisse sehr ungewöhnlich - mit einem todschicken Mercedes Roadster Automobil auf seiner Baustelle in Babenhausen, Judengasse 10, beim Sailer-Bräu oder oben am Schloss bzw. beim Schloßbräustüble auftauchte. Die Babenhausener werden damals, in der Mitte der Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts, nicht schlecht gestaunt haben, über den quirligen aber bestimmten, eleganten Herrn Architekten aus Kempten, mit dem pechschwarzen Menjou-Bärtchen über der Oberlippe und den dunklen, rastlosen Augen und eben auch über soviel Automobiltechnik aus Stuttgart-Untertürkheim, damals. Damit unterschieden sie sich in keiner Weise von den Krumbachern, kaum zwanzig  Kilometer nordöstlich von Babenhausen, wo Andor Ákos gleichzeitig in den Jahren 1935/36 den Um- und Neubau der Brauereigastwirtschaft „Zur goldenen Traube“ am Marktplatz (beim Ringler) neben zwei weiteren Baumaßnahmen in der Fabrikstraße sowie am Badweg leitete. Vor allem die Buben waren es, die sich nicht satt sehen konnten - am Mercedes-Roadster.

Andor Ákos plant „alles aus einer Hand“IMG_0003

Größere Um- und Ausbauarbeiten hatte Andor Ákos gleichzeitig eben auch in Babenhausen geplant, ausgeschrieben, die Bauarbeiten koordiniert, geleitet und die Handwerkerleistungen letztlich auch abgenommen und abgerechnet... Dass die Bauherrschaft von damals aber einen Architekten beauftragt hat – wo man üblicherweise für derartiges einen Maurermeister heranzieht – versteht  man aber erst, wenn man das Innere der Gasthäuser betritt: Auch heute noch wird man beim Sailer-Bräu in Babenhausen wie in der „Traube“ in Krumbach, sobald man die schwere Eingangstüre hinter sich gelassen hat, empfangen von einer allumfassenden, gediegenen Atmosphäre, die Wärme und Geborgenheit bei gehobenem Niveau ausstrahlt. Die profilierten, dunklen Decken und Holzvertäfelungen an den Wänden vermitteln ganz unaufdringlich Sich-wohl-fühlen und Gemütlichkeit. Ein gewisses i-Tüpfelchen im Ensemble im Sailerbräu bilden zudem die äußerst originellen und gelungenen Lampen mit ihren geschnitzten Figuren, die schwer von der Decke herunter hängen und ein angenehmes, warmes Licht über die Besucher verbreiten. Damit ähneln sich die „Traube“ in Krumbach und Sailer-Bräu in Babenhausen durchaus, auch wenn bei den Lampen im Nebenzimmer der „Traube“ in Krumbach die Figuren durch Handwerkerzeichen ersetzt sind.

Andor Ákos plante bei der „Traube“ in Krumbach alles, eben auch innen: das „Täfer“, den Kachelofen, die Decken, die Lampen, die Fenster und Türen samt Drückergarnituren, die Theken, die Tische, Bänke und die Stühle, die Treppen, Garderoben, die Dachrinnenstützen außen, die äußere Aufschrift “zur Traube“, den „Traubema“. Sogar die Planung für die Uhr der Wirtsstube stammt von ihm. „Ganzheitsmethode“ nennt man das heute, was im Ergebnis dann letztlich ein Gesamtwerk „aus einer Hand“ hervorbringt. Gleiches gilt für das Sailer-Bräu in Babenhausen, auch wenn hier sich der Gesamtplanungsnachweis wegen verloren gegangener Belege nur sehr schwer führen lässt. Doch warum sollte es in Babenhausen anders gewesen sein als in Krumbach, angesichts des Ergebnisses einer auch hier anzutreffenden ganzheitlichen Innengestaltung der Wirtsräume, auch heute noch? Deshalb kann auch hier guten Gewissens davon ausgegangen werden, dass der Entwurf zur Innenausstattung des Sailer-Bräu von Andor Ákos stammt, nach dem Wilhelm Engel gearbeitet hat.

Sailer_heute ( 1)Sailer_HistorischUnd man möchte es einen Glücksfall nennen, dass wenigstens diese Wirtshäuser, „Traube“ in Krumbach und Sailer-Bräu in Babenhausen, sich ihren “altdeutschen“ Charme von damals erhalten haben, warum auch immer. Möchte man Ihnen, nicht zuletzt im eigenen Interesse, nur wünschen, dass die Besitzer das Potential erkennen, und es auch entsprechend zu  nutzen verstehen und das            Das Hotel und Restaurant Sailer in Babenhausen - damals und heute
möglichst lange!

Dass Schloßbräustüble in Babenhausen kann in diesem Zusammenhang leider nicht beurteilt werden, da es immer noch geschlossen ist.

Tage von Andor Ákos waren bereits gezählt

Dabei waren zur Zeit der Umbauten in Krumbach und Babenhausen die Tage des Architekten  Andor Ákos bereits gezählt, denn Erfolg zieht bekanntlich Neider nach sich: Einige der führenden NAZI - Größen in Kempten hatten herausgefunden, dass der aus Ungarn stammende, in Kempten ansässige und dort glücklich verheiratete, sehr erfolgreiche Architekt Andor Ákos nicht nur ein hoch dekorierter  Reserveoffizier der ehem. k. und k. Armee war, sondern dass er auch Vorfahren jüdischer Abstammung hatte. Damit war sein Schicksal besiegelt. Nach Wien seiner obersten Militärdienststelle zitiert wird er vor die Alternative gestellt: KZ und Entzug aller Bürgerrechte oder Freitod und Ehrenbegräbnis auf dem Wiener Ehrenfriedhof samt Versorgung der Ehefrau bzw. seiner Witwe. Am 1. Juli 1940 erschießt sich Andor Ákos in einem Wiener Hotel mit seiner Dienstpistole. Seither ruht er auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab. Seine Witwe ist nach Kanada ausgewandert.

Seit August 2010 erinnert in Kempten vor der Südostecke des Stiftkellers ein „Stolperstein“ an Andor Ákos, der sich mittlerweile in über 150 Bauwerken in Schwaben, im Allgäu, in Oberbayern, im Schwarzwald und in über 300 Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern usw. nachweisen lässt.

Krumbach im August 2010

Heimatverein Krumbach e. V.